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Pressestimmen über das ICBF

Die Zeit, 6. November 2003

Hilfe für schnelle Denker

Vom Eliteinternat bis zum Extrakurs in Philosophie – Deutschland holt auf in der Förderung hoch begabter Schüler

Von Jan-Martin Wiarda

Wer hier oben angekommen ist, will nicht mehr hinunter. Der Blick geht weit übers Rheintal, über Dörfer und Kirchtürme, bis zu Festungen und Weinhängen. Die Idylle auf Schloss Hansenberg ist perfekt. Fast zumindest. Das Gerüst vor der alten Fassade stört ein wenig, genau wie das Kreischen der Bohrer, das hin und wieder das Rauschen der Bäume übertönt. Beides erinnert daran, dass hier in einer Parkanlage bei Rüdesheim etwas ganz Neues entsteht: Hansenberg ist ein staatliches Internat für die geistige Elite. Vor wenigen Jahren noch wäre schon der Begriff tabu gewesen, eine Schule wie diese erst recht. Jetzt sind die ersten 69 Schüler der 11.Klasse eingezogen. Ihr Intelligenzquotient (IQ) liegt zwischen 130 und 150, ein durchschnittlicher Altersgenosse hat einen IQ von 100.
Niemand erwarte, dass Hansenberg lauter weltbekannte Künstler, Nobelpreisträger oder Wirtschaftslenker hervorbringen werde, hat Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) bei der Eröffnung der Schule gesagt, die – auch das ist neu – in einer Art Joint Venture vom Land und von zwei Konzernen gemeinsam finanziert wird. Aber schaden könnten sie nicht, ein paar neue Behrings, Liebigs oder Zuses. Und so sitzen sie an diesem Herbstmorgen an ihren Tischen, 16 der Hoffnungsträger: Chemie bei Herrn Kappesser.
Der hat sich eine knifflige Ausgabe ausgedacht. Mal angenommen, ein Auto fährt 100 Kilometer durch den Rheingau und verbraucht dabei acht Liter Sprit. Wie viel Kilogramm Kohlendioxid werden ausgestoßen? Mit einem Mal ist es still im Raum; Kappessers Schüler, die eben noch munter diskutiert haben über die Umweltverträglichkeit von Jumbojets im Vergleich zum Auto, beugen sich über ihre Hefte und rechnen. Zehn Minuten lang. Zwanzig Minuten lang. „Wer schreibt die Reaktionsgleichung an?“, fragt Rolf Kappesser dann. 16 Hände heben sich. Carolin geht an die Tafel: 2 Mol C8H18 plus 25 Mol O2 ergeben 16 Mol CO2 plus 18 Mol H2O. Als Nächster ist Tim dran und rechnet weiter. Das Ergebnis: 17,3 Kilogramm Kohlendioxidausstoß auf 100 Kilometer. Hört sich sehr hoch an. Ist aber richtig. „Wer hat das sonst noch rausbekommen?“, fragt Kappesser. 14 Hände gehen hoch. Auch seine Schüler machen Flüchtigkeitsfehler, sagt Kappesser wie zur Entschuldigung. Was ein Mol ist , haben die 16 erst am Vortag erfahren. Normalerweise dauere es Wochen, bis so ein Konzept sitze, sagt der Chemielehrer. Auf Schloss Hansenberg reicht dazu eine Schulstunde.
„Spitzenförderung gelingt nur durch Breitenförderung“ Elitegymnasien wie das in den hessischen Weinbergen passen in die neue Zeit. Die miserablen deutschen Ergebnisse etwa in der Pisa-Studie haben auch der Debatte um den richtigen Umgang mit den Klügsten im Lande Auftrieb gegeben. Eine europaweite Umfrage der Universitäten Münster und Nijmegen bescheinigte Deutschland jetzt erstmals Fortschritte in der Begabtenförderung. „Die Entwicklung in den vergangenen Jahren ist wirklich erstaunlich“, sagt der Autor der Studie Franz Mönks vom Internationalen Centrum für Begabtenforschung (ICBF). Immer mehr Lehrer bildeten sich fort, um Hochbegabung rechtzeitig erkennen und fördern zu können.
Trotzdem bleibt die Diagnose die große Herausforderung. Denn hoch begabt, wer ist das eigentlich? Fragt man Experten, erläutern die einem zunächst das Prinzip der Normalverteilung: So wie sich zwei Prozent der Kinder am unteren Ende der Intelligenzskala befinden und Sonderschulen besuchen, gibt es zwei Prozent am oberen Ende mit einem IQ jenseits der 130. Dennoch werden nur wenige Kinder auf ihre Intelligenz getestet, darunter überproportional viele Jungen, weil sie sich stärker in den Vordergrund spielen. Zudem glauben immer mehr Forscher, dass die Definition über die intellektuelle Leistungsfähigkeit zu kurz gedacht ist. „Es gibt unterschiedliche Bereiche, in denen Kinder auffallen“, sagt Christian Fischer vom ICBF. „Man kann argumentieren, dass auch besonders sportliche oder musische Kinder spezial- oder hoch begabt sind.“ Das Problem ist, dass die erweiterte Definition die Diagnose noch komplizierter macht, denn plötzlich kann jemand auch ohne Spitzen-IQ „hoch begabt“ sein.
Auf Hansenberg vermeiden sie den Begriff angesichts solcher Unschärfen lieber ganz. Der Schulleiter Wolfgang Herbst spricht stattdessen von „besonders leistungsfähigen und besonders leistungsbereiten Schülern“. Denn das kommt hinzu: Während Hochbegabung, gleich welcher Lesart, zunächst vor allem Potenzial ist, müssen Hansenberg-Bewerber zeigen, dass sie es auch ausschöpfen. „Wir akzeptieren nur Schüler mit bereits entwickelter Sozialkompetenz“, sagt Herbst. Ausschließlich Neuntklässler können sich bewerben, die drei Halbjahre lang einen Notenschnitt von mindestens Zwei gehalten haben. Sie überspringen dann die zehnte Klasse und fangen in dem Oberstufengymnasium gleich in der elften an.
Normalerweise werden Hochbegabte weniger spektakulär gefördert. Idealerweise in der Schule um die Ecke. Die Kinder sollen lernen, ihre Begabungen zu erkennen, auszuleben und sinnvoll einzusetzen. Andernfalls fielen sie vor allem als Störer auf, warnt die Deutsche Gesellschaft für das hoch begabte Kind (DGhK) seit langem. Eine Studie mit 150 Hochbegabten an der Uni Marburg hat allerdings ergeben, dass sich die Klügsten selten, und wenn, dann meist positiv von der Masse abheben, durch mehr Selbstvertrauen etwa. Ob leidende Sonderlinge oder unauffällige Leistungsträger: Begabtenförderung, so glauben inzwischen viele, kann nur funktionieren, wenn die Schulen anfangen, Schüler nach ihren individuellen Fähigkeiten zu fördern – und zwar alle gemeinsam, normal wie hoch begabte. „Spitzenförderung gelingt nachhaltig nur durch Breitenförderung“, sagt Heribert Meffert, Präsidiumsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung. Christian Fischer spricht von den Stärken und Schwierigkeiten, die jedes Kind habe: Je nach Begabung müsse es entsprechende Förderbereiche geben, in jeder Schule, in allen Klassen. „Zu lange haben wir gesagt, das Kind muss sich der Schule anpassen. In Wirklichkeit aber ist es umgekehrt.“
Wer wissen will, wie sich die Schulen tatsächlich anpassen, fragt am besten Lehrer wie Klaus Papies. Papies unterrichtet Musik und Physik an einem Gymnasium in Wolfsburg. Seit diesem Schuljahr hat er einige per Intelligenztest zertifizierte Hochbegabte in der Klasse. Überhaupt ist seine Schule recht aktiv in der Begabtenförderung, für besonders Motivierte gibt es Extrakurse in Mathematik und Philosophie. Sie können auch eine weitere Fremdsprache lernen. Bisher macht das eine Schülerin. Sie besucht nur noch zur Hälfte die Stunden in Französisch, ihre reguläre zweite Fremdsprache, den Rest verbringt sie im Lateinunterricht der Parallelklasse. Die Französischarbeiten muss sie natürlich alle mitschreiben.
In Fachkreisen nennt man diese Strategie das Drehtür-Modell. Entwickelt hat es der amerikanische Begabungsforscher Joseph Renzulli. Papies hat ihn kürzlich auf einem Begabtenkongress an der Uni Münster gesehen. „Wir scheinen mit dem, was wir machen, gar nicht so verkehrt zu liegen“, sagt Papies jetzt. Andere Schulen gehen ähnliche Wege: von fachübergreifenden Lernwerkstätten an der Freien Schule Rostock bis zum Philosophieren an der Grundschule Altonaer Straße in Hamburg. Bislang hatten die DGhK und andere Selbsthilfevereine mit ihren Freizeitkursen fast das Monopol in der Begabtenförderung. Damit ist Schluss: Endlich integrieren deutsche Schulen ihre Begabten so, wie sie sind.
Integrativ ist man auf Schloss Hansenberg nicht. Zumindest nicht im herkömmlichen Sinn. Denn einige der Schüler fühlen sich zum ersten Mal wirklich akzeptiert. „Hier sind Gleichgesinnte“, sagt der 14 Jahre alte Hanns. Direktor Herbst hat ihn und drei seiner Mitschüler für eine halbe Stunde freigestellt, damit sie von ihrem Leben auf Hansenberg berichten können. Umgeben von den leeren Regalen der zukünftigen Schülerbibliothek, schwärmen Viviane, Manuel, Denise und Hanns von der Schlossanlage mit den neu errichteten Bungalows, von den engagierten Lehrern und, immer wieder, vom Gemeinschaftsgefühl. „Auf meiner alten Schule hatten sie einfach keinen Bock“, sagt Denise, 15, und erntet zustimmendes Murmeln. „Hier arbeiten alle zusammen.“ Und was gefällt ihnen nicht auf Hansenberg? Auch da sind die vier schnell einer Meinung: die Leute, die von draußen durch die Fenster gaffen, um einen Blick auf die „Hochbegabten“ zu erhaschen. „Manchmal komme ich mir vor wie im Zoo“, sagt die 15-jährige Viviane. Trotz aller Fortschritte: Es wird dauern, bis Hochbegabtenförderung Normalität ist.
Ein Zusammenhang, aus dem zumindest Christian Fischer vom Münsteraner ICBF Hoffnung schöpft. „Dass hochbegabte Kinder besondere Bedürfnisse haben, ist eine Erkenntnis, die sich inzwischen weitgehend durchgesetzt hat. Da ist es nur noch ein kleiner Schritt zu der Einsicht, dass jedes Kind besondere Bedürfnisse hat, auch das weniger und das durchschnittlich begabte.“
Der Begabungforscher hofft nun, dass diese Erkenntnis den notwendigen Impuls für mehr individuelle Förderung im Schulunterricht gibt. Dann hätte ausgerechnet die lange Jahre als ungerecht verschrieene „Elitenförderung“ zu größerer Bildungsgerechtigkeit in Deutschland beigetragen.


 
 
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