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Pressestimmen über das ICBF

Welt am Sonntag, 09. September 2007

"Sinnvolles Mittel der Begabtenförderung - Das Überspringen einer Klasse tut leistungsstarken Kindern gut. Dennoch wird in den meisten Schulen bisher wenig Gebrauch davon gemacht. Spätestens nach einem Jahr erreichen die Springer auch in der neuen Klasse die obere Leistungsgrenze."

Von Birgitta vom Lehn

Ist das Überspringen einer Klasse für ein leistungsstarkes Kind sinnvoll? Meist stellt sich diese Frage bereits in der Grundschule. Aber auch auf dem Gymnasium besteht theoretisch in allen Bundesländern diese Möglichkeit. Genutzt wird sie jedoch bisher kaum: Nicht mal ein Prozent der deutschen Schüler macht davon Gebrauch.
Am höchsten lag die Rate der Überspringer zuletzt in Hamburg. Dort wechselten im Schuljahr 2004/05, dem letzten, aus dem Zahlen vorliegen, 0,12 Prozent aller Schüler in die übernächste Jahrgangsstufe Gerade mal 0,02 Prozent waren es in Bayern, Sachsen und 0,03 in Brandenburg, 0,04 in Nordrhein-Westfalen und 0,07 in Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein. In Berlin und Bremen wurden erst gar keine Zahlen erhoben.
„Das Überspringen gehört auf jeden Fall ins Repertoire der Begabtenförderung. Es darf nur nicht die einzige Maßnahme bleiben“, sagt Harald Wagner, Geschäftsführer des Vereins Bil-dung und Begabung in Bonn. Spätestens nach einem Jahr befänden sich die meisten Überflieger allerdings auch in der neuen Klasse wieder an der Leistungsspitze. „Aber alle wissenschaftlichen Studien zeigen, dass die Vorteile überwiegen“, sagt Wagner und verweist auf die große amerikanische Studie „A Nation Deceived“ (Eine betrogene Nation), die Begabungs-forscher der University of lowa im Jahr 2004 veröffentlichten (www.nationdeceived.org).
Die amerikanischen Wissenschaftler entlarvten die meisten Argumente gegen das Springen als unbegründete Vorurteile und plädierten eindringlich für die sogenannte Akzeleration, wie die Beschleunigung der Schulzeit im Fachjargon heißt. Dazu zählen sie auch die frühzeitige Einschulung, das Springen in einzelnen Fächern und das Studieren von Schülern an der Universität. Wagner hat die Studie damals an alle Kultusminister in den Ländern geschickt. „Ich habe lediglich eine einzige Rückmeldung erhalten“, sagt er. Das Thema scheint - offenbar auch auf Behördenseite - immer noch unterschätzt zu werden.
„Wenn es schiefläuft, dann liegt es oft an anderen Umständen, zum Beispiel an einem zerrütteten Elternhaus“, sagt Wagner. „Wenn aber alle Beteiligten an einem Strang ziehen, geht es in der Regel gut.“ Vorteilhaft sei das „Gruppenspringen“: mehrere leistungsstarke Schüler wechseln gemeinsam in die höhere Klasse. Das verhindert, dass der einzelne, jüngere Überflieger ausgegrenzt und gemobbt wird. Für sinnvoll hält der Experte auch das Springen nur in einzelnen Fächern wie Mathematik, Physik oder Musik. „In diesen Fächern gibt es typische Frühbegabungen. Man kann diese Kinder so auch unabhängig von ihrer seelisch-emotionalen Reife gut fördern.“ Die Diskrepanz zwischen geistiger, emotionaler und körperlicher Reife wird von Kritikern des Springens immer wieder ins Feld geführt. Dabei wird jedoch vielfach nicht bedacht, dass in einer Klasse ohnehin oft bis zu drei unterschiedliche Jahrgänge vertreten sind.
Eine vehemente Fürsprecherin des Springens ist die niedersächsische Lehrerin Annette Heinbokel. Die Mitbegründerin der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind beklagt, dass im Vergleich zum Sitzenbleiben viel zu selten vom Gegenteil Gebrauch gemacht werde: „Zum Sitzenbleiben wird man gezwungen, zum Springen nicht. Die Lehrer sind oft kritisch, weil sie selbst Eltern sind und das, was für ihre eigenen Kinder nicht infrage kommt, auch anderen nicht empfehlen wollen“, sagt Heinbokel. Außerdem seien ihre Kollegen oft nicht ausreichend über das Thema informiert, viele Lehrer seien zudem gar nicht erst interessiert.
„Ich habe 20 Jugendliche befragt, die in der Grundschule eine Klasse übersprungen hatten. Niemand hat es bereut. Alle sagten, es sei leichter geworden, je älter sie wurden, und es sei für sie schwieriger gewesen, mit Jüngeren zusammen zu sein.“ Heinbokel gibt außerdem zu bedenken, dass Probleme auftauchen können, wenn die Kinder nicht springen.
Zurückhaltender äußert sich Christian Fischer, Geschäftsführer des Internationalen Centrums für Begabungsforschung an der Universität Münster. „Es darf keine automatische Empfehlung geben, ein Kind springen zulassen, sobald bei ihm der Intelligenzquotient 130 festgestellt wurde. Das Springen wirkt nur bedingt begabungsfördernd.“ Sinnvoller sei es, für diese Kin-der eigene Lehrpläne zu entwickeln und sie durch Projektarbeit individuell zu fördern. „Doch daran hapert es in den Schulen. Verglichen mit der Zahl an Lehrstühlen für Sonderpädagogik und an Sonderschulen gibt es viel zu wenige Begabungsforscher und Spezialschulen für Hochbegabte.“
Auch Heinbokel sagt: „Manche Vorschläge, zum Beispiel die Individualisierung innerhalb der Klassen, hören sich genial an, funktionieren aber leider unter den gegebenen Voraussetzungen an normalen Schulen nur in den seltensten Fällen. Das Überspringen hört sich brutal an, ist aber am leichtesten und fast kostenlos durchzuführen.“ Der Staat spart dadurch sogar einmalig 4900 Euro - so viel kostet im Schnitt ein Schuljahr pro Schüler.

Kein Springer blieb später einmal sitzen
SPEZIALSCHULEN FÜR BEGABTE
Bislang gibt es nur wenige staatliche Spezialschulen für hochbegabte Kinder in Deutschland. Zum Beispiel das Sächsische Landesgymnasium St. Afra in Meißen, das Landesgymnasium für Hochbegabte in Schwäbisch Gmünd, die Internatsschule Schloss Hansenberg und die Otto-Hahn-Schule in Hanau.

SPRINGER OHNE PROBLEME
Die bislang umfangreichste deutsche Untersuchung zum Klassenüberspringen stammt aus Niedersachsen. 1990 wurde dort eine Totalerhebung an allen Grund- und Gesamtschulen sowie Gymnasien gemacht. Keines der 311 Kinder, die in den 80er-Jahren gesprungen waren, musste später eine Klasse wiederholen.





 
 
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