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Pressestimmen über das ICBF
Die Welt,
06. August 2005
Genie im Kinderzimmer
Spätestens seit Pisa ist klar: Um im internationalen Wettbewerb
zu bestehen, muss Deutschland seine geistigen Eliten fördern.
Rund zwei Prozent aller Kinder gelten als hochbegabt und könnten
Spitzenleistungen erbringen. Doch oftmals wird ein Top-IQ gar nicht
erst erkannt.
Blitzartig ordnet die fünfjährige Sarah einer farbigen
Figurenreihe das fehlende Dreieck zu. Ohne lange nachzudenken wählt
sie bei der nächsten Aufgabe aus vier Möglichkeiten die
richtige Interpretation eines Satzes aus. Bei einem komplexen Buchstabenmuster
braucht sie länger, um acht erkennbare Wörter herauszufiltern.
Blitzartig ordnet die fünfjährige Sarah einer farbigen
Figurenreihe das fehlende Dreieck zu. Ohne lange nachzudenken wählt
sie bei der nächsten Aufgabe aus vier Möglichkeiten die
richtige Interpretation eines Satzes aus. Bei einem komplexen Buchstabenmuster
braucht sie länger, um acht erkennbare Wörter herauszufiltern.
Trotzdem ist das Testergebnis im Internationalen Centrum für
Begabungsforschung (ICBF) in Münster anschließend eindeutig:
Sarah besitzt einen IQ von 132 und gehört damit zu den 2,17
Prozent hochbegabten Kindern in Deutschland. Schon im Alter von
einem Jahr merken die Eltern, dass ihre kleine Tochter ungewöhnliche
Fähigkeiten zeigte: Sarah bildete bereits ganze Sätze,
mit drei multiplizierte sie endlose Zahlenreihen. „Sie hält
stundenlange Vorträge über alles – angefangen vom Ameisenbären
bis zum Zeppelin“, berichtet der Vater. „Das kann manchmal ziemlich
nerven.“
Tatsächlich fällt ein hochbegabtes Kind durch außergewöhnliches
Detailwissen, hohe Merkfähigkeit und ein oft ausgeprägtes
Moralbewusstsein auf. „Papi, wann ist ein Mensch gut und wann böse?“,
fragte etwa der dreijährige Jan seinen Vater. Der musste erst
mal schlucken. Denn nicht selten sind Eltern eines Kindes mit Spitzen-IQ
durch die Mega-Intelligenz ihres Sprössling überfordert.
Dennoch hatten Sarah und Jan das Glück, anders als der neunjährige
Marius, dessen Hochbegabung lange unerkannt blieb. „Der treibt seine
Lehrer zum Wahnsinn“, so Marius` Mutter. Ihr superschlauer Sprössling
stört den unterricht, spielte den Klassenkaspar und zeigte
aggressives Verhalten. Ein Psychologe diagnostizierte schließlich
eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Kinder,
die diese psychische Störung zeigten, können sich schlecht
konzentrieren, oft geht mit der Auffälligkeit eine gesteigerte
motorische Unruhe einher: Zappelphilippsyndrom. In Wahrheit verbirgt
sich hinter diesem Verhalten nicht selten ein Spitzen-IQ: Das Kind
ist schlichtweg unterfordert und verliert die Motivation. Schulversagen,
Sitzenbleiben und manchmal sogar der Weg in die Jugendpsychiatrie
kommen immer wieder vor.
Christian Fischer, Lehrer, Diplompsychologe und Geschäftsführer
des Internationalen Centrums für Begabungsforschung (ICBF)
hat schon viele Kinder mit Spitzen-IQ in Förderprogrammen am
ICBF begleitet. „Die Entwicklung eines hochbegabten Kindes kann
asynchron verlaufen, das heißt, das Kind zeigt eine hohe intellektuelle
Denkgeschwindigkeit, aber eine herabgesetzte motorische Umsetzungsfähigkeit.
Der Kopf denkt also schneller, als die Hand es umsetzten kann. Dies
führt häufig zu Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten“,
so der Wissenschaftler. Mitunter entstünden bei einem Kind
mit Top-IQ auch sogenannte Lernstrategiedefizite. „Zunächst
muss das Kind in den unteren Klassen gar nicht mehr lernen, um eine
bestimmte Leistungshürde zu erreichen. Plötzlich hat es
aber Fächer wie beispielsweise Fremdsprachen, in denen es lernen
muss, verfügt aber nicht über die nötigen Lernstrategien:
Dann kommt es zum Leistungseinbruch“, erklärt Fischer. Grundsätzlich
ist ein hochbegabtes Kind daher frühzeitig auf besondere Hilfe
angewiesen, um sein Potential rechtzeitig entfalten zu können.
Das muss nicht immer durch Profis erfolgen, sondern kann auch durch
aufmerksame Eltern geleistet werden. Im fall der heute zehnjährigen
Maria etwa erkannten die Eltern schon früh das Potential des
Kindes: Klavierstunden, Mathe- und Schach-AG und Sport fördern
das Kind in unterschiedliche Richtungen. Auf einen Hochbegabtentest
verzichteten die Eltern – von Beruf beide Ärzte – bewusst,
um das Kind nicht positiv zu „stigmatisieren“ und so unter Leistungsdruck
zu setzten.
Doch auch wenn ein hochbegabtes Kind keine Verhaltensauffälligkeiten
zeigt, leidet es oft unter dem neid der Klassenkameraden und kann
schnell in eine Außenseiterrolle geraten. Dies bedeutet jedoch
noch lange nicht, wie eine Studie der Universität Marburg zeigt,
dass hochbegabte Kinder zwangsläufig soziale Schwierigkeiten
haben oder automatisch schlechte Schüler sind. Ebenso zeigen
Kinder, die ein Aufmerksamkeitsdefizit zeigen, nicht gleich einen
Spitzen-IQ.
Dennoch ist es zumindest sinnvoll, dass sich Eltern, die bei ihrem
Kind eine Hochbegabung vermuten, mit Hilfe eines Intelligenztests
frühzeitig Klarheit verschaffen. „Diese Tests sollten ausschließlich
von Diplompsychologen ausgeführt werden, da für die Durchführung
und Auswertung psychodiagnostische Kenntnisse erforderlich sind“,
betont Fischer. Um Spitzentalente rechtzeitig zu erkennen, fordern
Experten seit langem eine besondere Qualifikation für Pädagogen.
Eine Möglichkeit dazu bietet die Frankfurter Karg-Stiftung
für Hochbegabtenförderung: Erzieher für Kinder im
Vorschulalter können sich zum Begabtenpädagogen weiterbilden
lassen. Auch das ICBF bietet das sogenannte ECHA-Zertifikat („European
Council of high Ability“) für Erzieher an. Lehrer für
Kinder und Jugendliche können zudem in drei Semestern das ECHA-Diplom
erwerben. Ziel der Ausbildung ist die Vermittlung diagnostischer
und didaktischer Kompetenzen im Bereich der Begabtenförderung.
Wird bei einem Kind eine Hochbegabung erkannt, bieten sich beschleunigende
(Akzeleration) oder vertiefende (Enrichment) Fördermöglichkeiten.
Im innerschulischen Bereich werden flexible Einschulungstermine,
das Überspringen von Klassen, ebenso wie zusätzliche Nachmittagskurse
oder jahrgangsübergreifender Unterricht angeboten. Zu den außerschulischen
Maßnahmen zählen Wettbewerbe und Ferienakademien. In
Rheinland-Pfalz etwa existieren sogenannte BEGYS-Klassen (Begabtenförderung
an Gymnasien mit Schulzeitverkürzung) oder auch Schnellläuferklassen,
die zum ziel haben, den Schülern statt in 13 in 11,5 Jahren
zum Abitur zu führen. Spezielle Hochbegabten-Lehrzweige bieten
auch die Schulen des Christlichen Jugenddorfwerks (CJD) in Braunschweig,
Rostock und Königswinter an. 2001 eröffnete die frühere
„Fürstenschule“ Sankt Afra im sächsischen Meißen
ihre Tore ausschließlich für Hochbegabte.
„Ein Schüler im zweiten Schuljahr interessiert sich brennend
für Röntgenstrahlen, ein anderer für Schwarze Löcher.
Am Ende des Projektes hält jeder „kleine Experte“ einen Vortrag
vor Eltern und Lehrern“, erklärt Fischer das ein Forder-Förder-Projekt
des ICBF in Zusammenarbeit mit mehreren Schulen in Münster.
Kinder werden einmal wöchentlich vom Unterricht befreit und
können sich mit einem Thema ihrer Wahl beschäftigen. Der
Wissenschaftler ist überzeugt, dass die Forschungsarbeit mit
begabten Kindern unverzichtbare Impulse für die Weiterentwicklung
des allgemeinen Schulsystems bietet: „Schulen mit Begabtenförderung
haben häufig die besseren Lernkonzepte.“
Trotz der zunehmenden Sensibilisierung der Öffentlichkeit für
das Thema Hochbegabung bleiben viele Spitzentalente bis ins Erwachsenenalter
unentdeckt. Erwachsene mit Top-IQ fallen häufig durch ungewöhnliche
Lösungsstrategien auf, aber gerade dadurch geraten sie besonders
in Gefahr, in einem stark bürokratisch oder hierarchisch geprägten
Umfeld anzuecken.
Typisch für ihre berufliche Entwicklung sind vier Wege: der
Aussteiger, der gesellschaftliche Normen gänzlich ablehnt,
der Spezialist, der über ein außerordentlich großes
Fachwissen verfügt, der Kreative, der sich aber durch ungewöhnliche
Lösungsstrategien nicht unbedingt Freunde macht, oder der Spätentwickler.
Ein Forum für hochintelligente Menschen im Erwachsenenalter
bietet die Mensa-Organisation, ein weltweiter Zusammenschluss von
etwa 100 000 hochintelligenten Menschen, davon über 4600 in
Deutschland.
Doch auch ein frühzeitig erkannter Spitzen-IQ ist nach Meinung
von Fischer vom ICBF noch lange keine Garantie für eine steile,
berufliche Karriere: „Hochbegabte werden nicht unbedingt Nobelpreisträger.
Denn für die Erbringung exzellenter Leistungen sind eben auch
die sogenannten „Soft Skills“ oder Schlüsselqualifikationen
verantwortlich. Fähigkeiten wie Motivation, Selbststeuerung,
und Lernstrategien sind nämlich unentbehrlich, um Begabungen
auch tatsächlich in Leistungen umzusetzen.“
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