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Pressestimmen über das ICBF

Süddeutsche Zeitung, 22. September 2003

Von der Spitze in die Breite

Eine neue europäische Vergleichsstudie zeigt Überraschendes: Für begabte Schüler wir in Deutschland viel getan

Von Dominik Fehrmann

Es war das beschämendste Ergebnis der Pisa-Studie: Stärker als überall auf der Welt hängt in Deutschland der Bildungserfolg von der sozialen Herkunft ab. Der Professorensohn hat hier zu Lande noch immer drei mal so gute Chancen, auf das Gymnasium zu kommen, wie das Arbeiterkind. An deutschen Schulen, so der abgeleitete Befund, gelingt es kaum, Kinder entsprechend ihrer tatsächlichen Begabungen zu fördern.
Bei einigen Kindern gelingt dies freilich sehr wohl – bei den rund zehn Prozent kognitiv überdurchschnittlich begabten Schülern, von denen jeder fünfte zudem zudem als hochbegabt gilt. Die schulische Begabtenförderung in Deutschland kann sich im europäischen Vergleich durchaus sehen lassen. So jedenfalls lautet das Fazit einer vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in Auftrag gegebenen Studie zur Begabtenförderung, deren Ergebnisse Ende dieser Woche offiziell vorgestellt werden.
Die Untersuchung „Schulische Begabtenförderung in Europa: Bestandsaufnahme und Ausblick“, für die der niederländische Begabungsforscher Franz Mönks gesetzliche Bestimmungen und schulische Initiativen in 21 Ländern untersucht hat, zeigt auch: Begabte Kinder werden in Europa höchst unterschiedlich gefördert. In Spanien und Italien etwa, so Mönks, existiere Begabtenförderung im Grunde nur auf dem Papier. In anderen Ländern wiederum gebe es eine sehr gründliche und systematische Förderpraxis. Zu diesen Ländern gehört die Bildungsmacht Finnland, aber auch England, die Niederlande, die Schweiz, Ungarn – und Deutschland.
„In Deutschland lässt sich zur Zeit eine Bereitschaft zur Begabtenförderung und eine Vielfalt guter Angebote feststellen, die europaweit einmalig ist", so Mönks. Das gelte für den schulischen wie den außerschulischen Bereich. „Das Angebot ist tatsächlich kaum mehr zu überschauen“, bestätigt Manuela Heuthaler von der Karg-Stiftung, der bedeutendsten privaten Einrichtung zur Begabtenförderung in Deutschland. „Seit etwa fünf Jahren gibt es einen enormen Zuwachs an Talent-Wettbewerben, Schüler-Akademien oder auch universitären Veranstaltungen für begabte Kinder.“
Auch bei der schulischen Begabtenförderung wird die Palette an Konzepten immer breiter. Die meisten Bundesländer haben das Thema zur bildungspolitischen Profilierung entdeckt. Die ostdeutschen setzen – anknüpfend an eine DDR-Tradition – vor allem auf Spezialschulen. Aber auch westliche Bundesländer wie Rheinland-Pfalz fördern die Zusammenführung begabter Schüler. So gibt es in Kaiserslautern seit kurzem eine erste „Schule für Hochbegabtenförderung“, in Mainz und Trier sind weitere geplant.
Andere Bundesländer wie etwa Hamburg und Niedersachsen verfolgen eher integrative Ansätze: Begabte Kinder werden in den herkömmlichen Schulen belassen und dort ihren Bedürfnissen entsprechend gefördert. In Hamburg entwickelt eine zentrale Beratungsstelle dazu mit Lehrern spezielle Föderprogramme; in Niedersachen entstehen zur Zeit so genannte regionale Kooperationsverbünde, in denen Kindergärten, Grundschulen und Gymnasien ihre Förderprogramme abstimmen. Das alles seien viel versprechende Konzepte, die sich im föderalen Wettbewerb bewähren können, findet auch Franz Mönks.
Dennoch ist es mit der Einrichtung spezieller Schulen oder Beratungsstellen alleine nicht getan. „Die Förderung von Begabung ist das eine, ihre Diagnose das andere“, gibt Manuela Heuthaler zu bedenken. „Viele begabte Kinder setzen ihre Begabung nicht in Leistung um. Diese so genannten Underachiever sind auf qualifizierte Lehrer und Erzieher angewiesen, die diese Begabung auch rechtzeitig erkennen.“
Auch die vom BMBF in Auftrag gegebene Studie bemängelt eine in diesem Punkt unzureichende Aus- und Fortbildung der Lehrer; sie sei europaweit sogar das größte Hindernis für die Begabtenförderung. Deutschland habe in dieser Hinsicht sogar ein besonderes Problem: Für den Vorschulbereich gebe es, anders als in den meisten europäischen Ländern, keine akademische Ausbildung, so dass die frühzeitige Förderung begabter Kinder in Deutschland relativ selten sei.
Tatsächlich wird eine intensive Ausbildung im Bereich der Begabtenförderung in Deutschland zur Zeit nur vom Internationalen Centrum für Begabungsforschung (ICBF) in Münster angeboten. Hier können sich Lehrkräfte in einem dreisemestrigen Kurs zum Specialist in Gifted Education weiterbilden. „Dabei vermitteln wir allerdings nicht nur Sachkenntnisse“, sagt ICBF-Leiter Christian Fischer: „Viele Lehrer müssen auch lernen damit umzugehen, dass ihnen Schüler in bestimmten Wissensbereichen überlegen sind.“ In solchen Situationen, so Fischer, sei der Lehrer dann vor allem als Moderator von Lernprozessen gefragt.
Doch trotz der Lücken in der Lehrerbildung sind die deutschen Anstrengungen im europäischen Vergleich durchweg lobenswert. Sie kompensieren dabei allerdings auch Schwächen des normalen Unterrichts an den hiesigen Schulen. Das zeigt einmal mehr der Blick nach Finnland. „In keinem der untersuchten Länder wird mit so wenig speziellem Aufwand so viel Begabtenförderung betrieben wie in Finnland“, sagt Franz Mönks. „Es liegt in der Natur des finnischen Schulsystems, jeden Schüler nach seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten individuell zu fördern. Das macht besondere Programme für Begabte weitgehend überflüssig.“ Wo dagegen wie in Deutschland das einheitliche, meist am Mittelmaß ausgerichtete Pensum den Unterricht noch weitgehend prägt, taugt der normale Unterricht für begabte Schüler wenig.
Ein Zusammenhang, aus dem zumindest Christian Fischer vom Münsteraner ICBF Hoffnung schöpft. „Dass hochbegabte Kinder besondere Bedürfnisse haben, ist eine Erkenntnis, die sich inzwischen weitgehend durchgesetzt hat. Da ist es nur noch ein kleiner Schritt zu der Einsicht, dass jedes Kind besondere Bedürfnisse hat, auch das weniger und das durchschnittlich begabte.“
Der Begabungforscher hofft nun, dass diese Erkenntnis den notwendigen Impuls für mehr individuelle Förderung im Schulunterricht gibt. Dann hätte ausgerechnet die lange Jahre als ungerecht verschrieene „Elitenförderung“ zu größerer Bildungsgerechtigkeit in Deutschland beigetragen.

 
 
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