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Pressestimmen über das ICBF

Rheinischer Merkur, 15. April 2004

Der Lehrer soll Talentschmied sein

Wie das Hirn auf Touren kommt

Von Birgitta Mogge

"In Deutschland“, lobt der niederländische Begabungsforscher Franz J. Mönks in einer vergleichenden Untersuchung von 21 europäischen Staaten, „lässt sich zurzeit eine Bereitschaft zur Begabtenförderung und eine Vielfalt guter Angebote feststellen, die europaweit einmalig ist.“ Tatsächlich erwerben immer mehr Lehrkräfte und Erzieher Zusatzqualifikationen, um Hochbegabung rechtzeitig zu erkennen. Alle Bundesländer haben Konzepte zur Förderung besonders leistungsstarker und leistungsbereiter Schülerinnen und Schüler entwickelt. Fixe Denker können Klassen überspringen, besonders anspruchsvolle Kurse belegen, Schülerakademien und Ferienseminare absolvieren, an Hochschulen studieren, speziell für sie eingerichtete Klassen oder Gymnasien besuchen.

Nicht erst seit Jahresbeginn, als Bundeskanzler Gerhard Schröder den Aufbau von Eliteuniversitäten forderte, ist hochbegabt kein Schimpfwort mehr. Noch vor fünf, sechs Jahren war das E-Wort in linken Kreisen tabu. Integration war gut, Differenzierung und Auswahl schlecht. Hochbegabte wurden als „Eierköpfe auf dünnen Hälsen“ lächerlich gemacht, ihre Förderung als „Spalierstrebertum“ abgelehnt.

Normal mit 130

Zwei bis drei Prozent eines Altersjahrgangs sind Gleichaltrigen intellektuell weit voraus, und zwar auf allen Gebieten. Es gibt keine außergewöhnliche Sprachbegabung bei gleichzeitiger mathematischer Minderbegabung. Und umgekehrt. Auch musikalische Spitzenkönner denken und lernen auf insgesamt hohem Niveau. Einseitige Hochleistung findet sich allenfalls bei Sportlern. Klein-Einsteins erreichen einen Intelligenzquotienten von über 130; der durchschnittliche Altersgenosse – das sind 50 Prozent eines Altersjahrgangs – schafft einen IQ von 100. Den Gegenpol zu den Hochbegabten bilden die ebenfalls zwei bis drei Prozent, die einen IQ unter 70 haben und als schwachsinnig gelten (siehe Seite 10).

Hochbegabte sind normale Menschen, aber sie sind keine normalen Schüler und fallen schon im Kindergarten auf, weil sie differenzierter sprechen, mehr fragen, sich mehr zutrauen und mehr Anregungen brauchen als gleichaltrige Kinder. Nicht nur für schwächer Begabte, sondern auch für sie gilt der Satz: Es ist ungerecht, Ungleiche gleich zu behandeln. Die Schulpolitik der DDR hatte das jedenfalls gewusst und deshalb Spezialgymnasien eingerichtet.

Hochbegabte sind kreativ. Sie überspringen auf dem Weg zur Lösung einer Aufgabe Zwischenschritte oder finden neue ungewöhnliche Lösungen. Sie sind Lernfanatiker, denn ohne ständige geistige Herausforderung langweilen sie sich – und werden im schlimmsten Fall zu Leistungsverweigerern („Underachievern“), die nicht selten in der Sonderschule landen oder ganz aus dem normalen Schulbetrieb rausfliegen. Nur mit aufwändigen Schulmodellen wie dem College-Prep an der Jugenddorf-Christophorusschule Braunschweig oder an kostspieligen Internaten kann es gelingen, sie wieder einzugliedern. Hochbegabte brauchen Anerkennung; sie müssen wissen, welchen Sinn ihre Leistung hat, damit sie ihr Bestes geben.

Jedoch, hohe Begabung allein ist längst kein Garant für eine positive Schulkarriere und eine berufliche Spitzenposition. Nötige Bedingung ist dafür ein günstiges Lernumfeld. Das hat es in Deutschland jahrzehntelang nicht gegeben, weil Gleichmacherei und so genannte Benachteiligtenförderung höher im Kurs standen.

Wohin das führt, belegen nicht nur die mittelmäßigen deutschen Plätze bei internationalen Vergleichsstudien wie Timss (Third International Mathematics and Science Study) und Pisa. Auch der Mangel an hoch qualifizierten Fachkräften etwa in der IT-Branche ist zum großen Teil selbst verschuldet, weil mathematisch und naturwissenschaftlich besonders begabte Jugendliche in der Schule selten entsprechend gefördert wurden. Auch die Lehrer haben bislang in Studium, Aus- und Fortbildung kaum gelernt, Hochbegabte zu identifizieren und anzuleiten. Das gilt ebenso für Erzieherinnen im Kindergarten.

Impulse geben

Der Pisa-Schock und die auf Differenzierung bedachte unionsdominierte Schulpolitik haben zur Umkehr geführt. Im neu ausgerichteten Lehramtsstudium und der Erzieherausbildung soll Begabtenförde-rung zu ihrem Recht kommen. Die Karg-Stiftung unterstützt unter anderem die Weiterbildung zum Begabtenpädagogen. Im vorigen Jahr hat sie ein länderübergreifendes Projekt gestartet, um die integrative Förderung hochbegabter Kinder an Grundschulen zu verbessern.

Das 2001 gegründete Internationale Centrum für Begabungsforschung (ICBF), eine Gemeinschaftsinitiative der Universitäten Münster und Nimwegen, setzt seine Forschungsergebnisse auch in die Praxis um. Zum Arbeitsprogramm gehören Beratung von Eltern, Schulen, Hochschulen und Ministerien, die Diagnose von Kindern sowie ein dreisemestriges Weiterbildungsangebot für Lehrkräfte zum „Specialist in Gifted Education“. Viele Lehrer müssen dabei auch akzeptieren lernen, dass ihnen die Turbo-Denker öfter überlegen sind.

Derart qualifizierte Lehrkräfte brauchen alle Schulen, nicht zuletzt die Gymnasien. Das bedeutet nicht zuletzt, dass die Lehrer dafür auch die Ferien nutzen müssen. In den Unterrichtsmonaten können die Schulleiter vor allem ihre ohnedies zu wenigen Lehrer für Mathematik und Naturwissenschaften nicht freistellen.

Vor einem Trugschluss warnt Oberstudiendirektor Willi Nikolay vom Bonner Clara-Schumann-Gymnasium, der an seiner Schule mehrere Überflieger hat: Wenn Oberstufenschüler das Vordiplom an der Uni machen und das Abi quasi nebenher gelingt, muss das nicht zwangsläufig für ihre Hochbegabung sprechen. Der Grund kann auch darin liegen, dass der Schulunterricht heute nicht anspruchsvoll genug ist. „Wer Bestenauslese will, muss den Flaschenhals enger machen“, so Nikolay.

Literaturtipp: Franz J. Mönks: Schulische Begabtenförderung in Europa. Bestandsaufnahme und Ausblick. Erstellt im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, September 2003. Internet www.bertelsmann-stiftung.de/de/4119_5989.jsp.


Rheinischer Merkur, 15. April 2004

Je früher, desto besser

Fix im Sprechen, Zählen, Rechnen

Von Andrea Bitzmann

Weltweit stimmen inzwischen fast alle Experten überein: Die frühe Identifikation der Hochbegabung nützt einem Kind mehr, als dass sie ihm schadet. Eltern können dann nämlich Sozial- und Lernumwelten schaffen, die das Kind fördern und ihm ein positives Selbstwertgefühl vermitteln. Wolf Singer, der Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt am Main, wird nicht müde, auf die so genannten Entwicklungszeitfenster hinzuweisen, wann ein Kind welche Fähigkeit erlangt. Werden diese Momente verpasst, lassen sie sich nicht mehr nachholen: „Entscheidend für die Zukunft eines Kindes ist also, was es in den ersten Jahren erlebt.“

Das bedeutet nicht Frühförderung um jeden Preis möglichst schon im Mutterleib. Kreativlabor oder Rechencenter für Säuglinge nennt Singer denn auch „überzogenen Unsinn“. Kleine Kinder sind nicht formbar wie Knete. Aber einige sind Gleichaltrigen geistig weit voraus. Sie brauchen mehr Anregungen, um sich entsprechend entwickeln zu können.

Auf eine Hochbegabung können folgende Kriterien hinweisen:

- ausdrucksvolle, differenzierte und flüssige Sprache, ungewöhnlicher Wortschatz,
- Spaß am Zählen und Rechnen,
- Interesse an Büchern, die über die Altersstufe hinausgehen,
- hohes Detailwissen in bestimmten Bereichen,
- außergewöhnliches Gedächtnis,
- schnelles Durchschauen von Ursache-Wirkung-Beziehungen und Prinzipien, die bestimmten Vorgängen zugrunde liegen,
- Langeweile bei Routineaufgaben, schnelles Arbeitstempo,
- unkonventionelles Lösen von Aufgabenstellungen,
- ausgeprägtes Interesse für „Erwachsenenthemen“ wie Politik, Religion, Philosophie, Umweltfragen oder Gerechtigkeit in der Welt,
- unabhängiges Denken, Infragestellen von „Autoritäten“,
- hohe Verantwortungsbereitschaft,
- oft Freundschaften mit älteren Kindern,
- ausgeprägtes Einfühlungsvermögen in andere Menschen und politische und soziale Probleme.

Die meisten Tests, um den Intelligenzquotienten (IQ) eines Menschen festzustellen, werden erst ab einem Alter von rund sechs Jahren angeboten. Für jüngere Kinder wird meist ein Entwicklungstest angewendet, der die gesteigerte Entwicklungsgeschwindigkeit (Akzeleration) zeigt. Der K-ABC (Kaufman Assessment Battery for Children) etwa misst Intelligenz, die definiert wird „als die Art und Weise, in der ein Individuum Probleme löst und Informationen verarbeitet“. Bei der Informationsverarbeitung (intellektuelle Fähigkeiten) werden einzelheitliches und ganzheitliches Denken unterschieden; sie bilden zusammen das Maß der Gesamtintelligenz. Daneben gibt es noch eine Fertigkeitenskala, die Faktenwissen misst, das sich Kinder in der Regel aus ihrer kulturellen Umwelt aneignen.

Informationen und Links:

Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK), Berlin, Internet www.dghk.de.
Hochbegabtenförderung e.V., Bochum, Internet www.hbf-ev.de.
Bildung und Begabung e.V., Bonn, Internet www.bildung-und-begabung.de.
Schulpsychologische Beratungsstellen, Internet www.schulpsychologie.de.
Begabungspsychologische Beratungsstelle am Institut für Pädagogische Psychologie der Universität Rostock, Internet www.uni-rostock.de/fakult/philfak/institut/ipp/odysseus. Brain.
Begabungsdiagnostische Beratungsstelle an der Universität Marburg, Internet www.staff.uni-marburg.de/~brain.
Begabungspsychologische Beratungsstelle an der Universität München, Internet www.paed.uni-muenchen.de/~ppb.
Internationales Centrum für Begabungsforschung (ICBF) an der Universität Münster, Internet www.icbf.de.
Zentrum für Begabungsforschung (CBO) der Universität Nimwegen/Gaesdoncker
Beratungsstelle für Begabtenförderung, Internet www.socsci.kun.nl/psy/cbo/gaesdonck.htm.
Karg-Stiftung, Frankfurt am Main, Internet www.karg-stifung.de.

 

 
 
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