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Pressestimmen über das ICBF
Rheinische
Post, 7. Oktober 2003
Die kleinen Einsteins
Wie machen wir unsere Kinder fit für die Zukunft? An Universitäten
in Nordrhein-Westfalen schlagen hochbegabte Schüler bei Klausuren
nicht selten ihre älteren Kommilitonen.
Von Jürgen Stock
Düsseldorf. Meistens ist Samuel Lutzker, gerade 17 Jahre
jung geworden, ein Schüler wie jeder andere. Dann albert er
morgens auf dem Schulhof mit Freunden herum und lernt ansonsten
im Unterricht – mal mit mehr, mal mit weniger Begeisterung. Aber
zweimal in der Woche macht sich der Pennäler aus Oberkassel
auf den Weg in die Düsseldorfer Uni. Da büffelt er neben
seinen älteren Kommilitonen Mathematik. Mit ziemlichem Erfolg.
Bei seiner ersten Klausur war er der Beste. Auch zwei weitere Mitschüler
vom Humboldt-Gymnasium bestanden ihre Prüfungen mit Bravour
– ein Achtklässler sogar als Bester im Fach Informatik.
Überrascht war Samuel Lutzker von seinem Erfolg nicht. Schon
in der Probeklausur hatte er – damals noch Zehntklässler –
die Mitstudenten hinter sich gelassen. Auch sein Schulzeugnis kann
sich sehen lassen, obwohl er im vergangenen Schulhalbjahr pro Woche
acht Stunden Unterricht versäumt hat. Nachmittags spielt er
Cello – oder mit seinen Freunden Counterstrike und Civilization
am PC. Kein Streber, „eher ein kleiner Einstein“, sagt scherzend
Marie-Luise Balkenhol, Samuels Schulleiterin am Düsseldorfer
Humboldt-Gymnasium.
Für besonders begabte Schüler wie ihn gab es bis vor zwei
Jahren fast kein zusätzliches Lehrangebote in Nordrhein-Westfalen.
„Auch heute noch meinen viele Lehrer, sie würden Hochbegabte
fördern, wenn sie ihnen auftragen, schwächeren Schülern
zu helfen“, berichtet Christian Fischer vom Internationalen Centrum
für Begabungsforschung in Münster.
Immer mehr Pädagogen entdecken jedoch, dass manche ihrer Zöglinge
zumindest zeitweise im Hörsaal besser aufgehoben sind als im
Klassenzimmer. Am Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasium in
Münster werden in diesem Wintersemester 16 Oberstufenschüler
bis zu zweimal pro Woche an die Uni wechseln und dort Lehrveranstaltungen
in Medizin, Philosophie, Sprachwissenschaften, Theologie und einer
Reihe weiterer Fächer belegen. Lehrerin Bärbel Dahlhaus
(55) ist eine von drei Betreuerinnen und Betreuern der Schüler-Studenten,
die während des Studium ein Lerntagebuch führen müssen.
Begabte Schüler werden an ihrem Gymnasium schon seit längerer
Zeit neben dem Unterricht gefördert. „Mit dem Projekt Junior-Universität
wollen wir ganz einfach zusätzliches Lern-Futter anbieten.“
Dass Nordrhein-Westfalen inzwischen bundesweit als Vorreiter bei
der universitären Schülerausbildung gilt, ist vor allem
dem Kölner Mathematiker Ulrich Halbritter (58) zu verdanken.
In der Domstadt druften sich schon vor mehr als zwei Jahren Jugendliche
vor dem Abitur in den Fächern Mathematik, Physik, Informatik
und Chemie einschreiben.
Nesthäkchen mit 13 Jahren war damals Mathematik-Elevin Pia
Wojtinnek aus Hürth. „Eigentlich war das eine Entscheidung
aus dem Bauch heraus“, erinnert sich die 15-Jährige, die in
der Schule drei Klassen übersprang, „aber als ich den ersten
Schein hatte, wollte ich weitermachen.“ Nun hat sie bereits eine
Vordiplom-Prüfung bestanden. Hätte es ein entsprechendes
Angebot gegeben, wäre vielleicht auch ein Studium in Literaturwissenschaften
in Frage gekommen. Gerade hat sie angefangen, Martin Walsers Roman
„Tod eines Kritikers“ zu lesen. „An dem Buch finde ich besonders
die Sprache faszinierend“, sagt Pia. Sie spielt Klavier und Geige
in einem Orchester - und findet neben Schule und Uni noch genügend
Zeit mit Freundinnen auf Partys zu gehen: „Man will ja schließlich
noch leben.“
Nicht viel älter als sie war der Leverkusener Mikko Fischer
(16), als er vor zwei Jahren in Köln mit dem Mathe-Studium
begann. „Anfangs hatte ich noch Schwierigkeiten“, erinnert sich
Mikko, „ich habe einfach zu wenig gearbeitet. Aber jetzt läuft
es ziemlich gut.“
50 Prozent der Schüler brechen in Köln ihr Studium wieder
ab. „Da gibt´s brave Mädchen, deren Fleiß ihnen in der
Schule zu einer Eins verholfen hat, die aber an der Uni einfach
überfordert sind“, erzählt Ulrich Halbritter . „Oder Jungs,
denen die Freundin die Pistole auf die Brust setzt: ´Entweder Uni
oder ich´.“ Dafür hat der Mathematiker durchaus Verständnis.
Unter seiner Regie sollen künftig Alt-Schüler-Studenten
als Gegenleistung für ein Stipendium der Stiftung Deutsche
Wirtschaft jüngeren Pennälern helfen.
Rund 90 Schüler werden in diesem Jahr ihr Studium in Köln
aufnehmen. In Düsseldorf liegen bislang 17 Anmeldungen vor.
Extrawürste werden den Jung-Akademikern nicht gebraten. „Wir
behandeln sie wie ganz normale Studenten“, versichert die Düsseldorfer
Pro-Rektorin Erika Hammer. Der Lerneifer zahlt sich für die
Jüngststudenten auf jeden Fall aus. Die Scheine, die sie für
abgelegte Prüfungen bekommen, werden später bei Aufnahme
des Regelstudiums angerechnet. „Aber darum geht´s mir nicht, sagt
Samuel Lutzker. „Das Lernen an der Uni ist spannend und macht ganz
einfach Spaß.“
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