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Pressestimmen über das ICBF
Münsters
Universitäts-Zeitung, 14. Dezember 2005
Freundlich, motiviert und leistungsbereit
Rund 80 Jugendliche studieren neben der Schule bereits an der
Uni
Irgendwann bei einer Geburtstagsfeier hörte Aaron Voloj Dessauer
wie jemand erwähnte, Schüler könnten sich Vorlesungen
an der Uni anhören und Scheine machen. 16 Jahre alt war er
damals, ging ins Schlaun-Gymnasium und hatte neben Literatur und
Basketball besonderes Interesse für Philosophie. Auch wenn
seine Lehrer ihm ein Studium damals nicht zutrauten. Dessauer wollte
Hörsaal-Luft von innen schnuppern und meldete sich an der Uni
Münster an.
Aaron Voloj Dessauer, dunkelhaarig, ist heute 19 und momentan recht
zufrieden. Er hat seine Magisterurkunde in Philosophie, Soziologie
und evangelischer Theologie und promoviert bei Professor Alan Dershowitz,
einem renommierten amerikanischen Strafrechtler und Anwalt, der
bereits seine Magisterarbeit über „Moralische Dilemma“ betreut
hatte. Zu Forschungszwecken hält sich der Stipendiat die meiste
Zeit in Havard auf und ist inzwischen auf Rechtswissenschaften umgeschwenkt.
Eigentlich wollte er immer schon Jura studieren, um später
sein Geld als Strafverteidiger zu verdienen. Für ein paar tage
war Voloj Dessauer jetzt in Deutschland. Am Abend vor dem Rückflug
schaut er im Büro von Heribert Woestmann vorbei, der ihn als
Juniorstudenten betreute. Auch jetzt bleiben die beiden in Kontakt.
Bald vier Jahre ist es her, dass das Juniorstudium in Münster
eingeführt wurde. 80 Frühstudenten gibt es hier, über
Deutschland verteilt sind es 1000. Regulär eingeschrieben sind
sie nicht, daher müssen keine Studienbeiträge gezahlt
werden, sie erhalten aber auch kein Semesterticket. Die Scheine
können später aufs Studium angerechnet werden. Woestmann
lobt seine Juniorstudenten, weil sie freundlich und motiviert seien.
Der eine will schnell das Diplom haben, der andere hat kein Latein
in der Schule und braucht es fürs Medizinstudium, der Dritte
sucht sich einfach das aus, was ihn interessiert.
Der 17-jährige Ferdinand Schulz studiert Mathe. Sein Talent
für Zahlen machte sich früh bemerkbar. Als Siebenjähriger
schnappte er den Begriff „Plutonium-Affäre“ auf. Seine Mutter,
eine Flugzeugbau-Ingenieurin, erklärte es ihm und half ihm
auch, als er in der zweiten Klasse Bruchrechnen lernen wollte. Auf
Beschluss der Lehrerkonferenz durfte er nach der siebten gleich
in die zehnte Klasse des Ratsgymnasiums in Osnabrück, schrieb
mit 15 Abi und studierte parallel. Erst in Osnabrück, jetzt
in Münster. „Ich wollte mal was Anderes sehen“, erklärt
er und sagt ehrlich: „Ich will weiterkommen.“ Das Vordiplom hat
er bereits, das Diplom soll schnell folgen. Professor will er werden.
„Mein Wissen soll aber nicht an der Uni verstauben, sondern auch
der Industrie nutzen.“
Mit diesem Wunsch könnte er gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt
haben, denn die Unternehmen halten zunehmend Ausschau nach Talenten.
So gibt die Telekom-Stiftung eine Finanzspritze für Schüler-Universitäten.
Das Konzept in Münster kann sich sehen lassen. Kinder und Jugendliche
sollen früh mit der Hochschule vertraut gemacht werden. Bei
der Kinder-Uni sitzen Dreikäsehochs im Lehrsaal. Bei den Forscherwerkstätten
kommen Lehramts-Studenten in die Grundschul-Klassen zum Experimentieren.
Die Juniorstudenten suchen die Hochschulen in Absprache mit den
Gymnasien selbst aus. Natürlich werden nur Schüler genommen,
die Leistungen bringen und der Doppelbelastung gewachsen sind. Aber
auch Schüler, die sonst nicht so gut sind, aber in einem Fach
besonders begabt sind, bekommen ihre Chance. Woestmann ist stolz
auf die niedrige Durchfallquote von unter zehn Prozent. An einer
anderen Hochschule in NRW liege sie bei 45 Prozent.
„Unsere Schüler verkraften das gut. Bisher hat es nur selten
gehapert“, beobachtet Bärbel Dahlhaus, Lehrerin am Annette-Gymnasium.
Mit ihrer Kollegin Helga Möllenbrink berät sie in diesem
Semester acht Juniorstudenten, die nebenher studieren. Das Projekt
für leistungsstarke Schüler, wie es Dahlhaus nennt, ist
beschränkt auf die Kollegstufe. Das Kurssystem ist flexibler,
die Schüler können in ihren Freistunden Vorlesungen besuchen.
Teils werden sie vom unterricht freigestellt. Der versäumte
Stoff wird in der Freizeit nachgeholt. Das einige Schüler nebenher
studieren, ist an der Schule so normal wie Chinesisch als Abi-Fach.
„Die meisten sind neugierig und wollen wissen, wie es an der Uni
ist“, weiß Christina Brauner. Sie ist 16 Jahre alt, Schülerin
der K12 des Heisenberg-Gymnasiums in Gladbeck, hat Englisch-LK,
spielt einmal dien Woche Badminton, liest gerne Krimis und Gedichte,
begeistert sich seit der Grundschule für Geschichte und studiert
das Fach nebenbei. Im herbst gewann sie einen ersten preis im Geschichts-Wettbewerb
der Körber-Stiftung. „Ich habe zum dritten Mal mitgemacht und
bin jedes Mal wieder begeistert – vom eigenständigen Forschen,
dem Gefühl, etwas herauszufinden, was vielleicht noch niemand
weiß, der Begegnung mit Zeitzeugen.
An zwei Tagen in der Woche ist sie an der Uni. Referat, Theater-Broschüre,
zwei Klausuren und eine Hausarbeit: Die vergangene Woche hatte es
in sich. Heute hatte sie in der Schule eine Theaterprobe außer
der Reihe, Philosophie und Englisch. Gegen neun Uhr ist sie in den
Zug gestiegen, gut eineinhalb Stunden hat die fahrt gedauert. Eine
Wohnung ist auch keine Lösung: „Kochen kann ich, einen Staubsauger
bedienen auch. Aber das ist auch ein Kostenfaktor und ich möchte
in Gladbeck Abi machen. Eigentlich ist die Strecke an einem Tag
zu bewältigen.“ Unterm Strich kommt Christina mit ihrem Doppelleben
klar und ist optimistisch, dass sie durchhält. Ein paar Scheine
hat sie bereits, nächstes Jahr will sie Zwischenprüfung
machen. Irgendwann will sie ein Semester im Ausland, am liebsten
in England, verbringen. Nach ihrem Abschluss hätte sie gerne
einen job als Historikerin.
Wie viele der Juniorstudenten sind hochbegabt? Wie sind sie aufgewachsen?
In welchen Jobs landen sie? Statistische Daten gibt es dazu kaum.
Vielleicht liegt es daran, dass viele keinen test machen, sich besondere
Begabungen pauschal nicht messen lassen und es das Juniorstudium
noch nicht lange genug gibt. Nimmt man einen IQ ab 130 als Kriterium,
sind etwa 2,5 Prozent der Jugendlichen eines Jahrgangs hochbegabt.
Dies entspricht deutschlandweit etwa einer zahl von 300 000 Schülern.
Gemessen an ihrem IQ seien Lebensläufe Hochbegabter laut einer
Studie von Lewis Terman auch weitaus unspektakulärer als zunächst
angenommen, weil neben der Begabung immer auch Umwelteinflüsse
eine wichtige Rolle für die Leistungsentwicklung spielen, sagt
Dr. Christian Fischer, Geschäftsführer des Internationalen
Centrums für Begabungsforschung. Daher könne man davon
ausgehen, dass Hochbegabte verstärkt in bildungsnäheren
Elternhäusern aufwachsen.
Für Aaron Voloj Dessauer war die Toleranz seiner Eltern die
größte Förderung: „Wenn es Dich interessiert, mach´
es, haben sie mir gesagt.“ Die Studienzeit sei eine seiner besten
Erfahrungen gewesen. Zwölf Seminare pro Woche hatte er manchmal,
24 Scheine in drei Semestern gemacht. Als er Latein nachholen musste,
ist er beim ersten Kurs durchgefallen. Obwohl er all seine Uniprüfungen
mit fast perfekten Noten abschloss, hatte er keine guten Noten in
den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern im Abitur.
Damit könne er gut leben, sagt Dessauer. Denn fast alles, von
VWL bis Altgriechisch, könnte er sich vorstellen. Nur ein Studium
der Naturwissenschaften wäre ihm nicht einmal im Traum eingefallen.
In Harvard fühlt er sich wohl, rührt kräftig die
Werbetrommel für Münster, das er ab und zu vermisst. In
dieser Stadt ist er groß geworden, Familie und Freunde leben
hier. Es ist 19 Uhr geworden. Dessauer zieht seinen Mantel an und
nimmt seinen Rucksack. Er muss schnell los, seine Großmutter
besuchen. Morgen geht es zurück in die Staaten.
CR
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