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Pressestimmen über das ICBF
Focus
Schule, November/Dezember 2005
Talente
Förderung: Kinder besitzen viele Begabungen. Manche davon
zeigen sich rasch. Andere müssen wie ein Schatz erst entdeckt
werden.
Das Ziel anvisiert und- los! Gar nicht so einfach, auf einem Bein
mit zwei, drei Riesenhüpfern Schwung zu nehmen und dann über
eine fast hüfthohe Hürde aus Kunststoffziegeln zu springen!
Zwar sind die Schaumstoffteile butterweich und würden einen
Fall eher bremsen, aber es kostet Tzimon Hubmann doch einen kurzen
Moment der Überwindung, um loszulegen. Dann löst der Elfjährige
die Aufgabe mit Bravour: nach einem Supersprung landet er sauber
auf der anderen Seite- und hüpft wie verlangt auf dem zweiten
Bein weiter.
Die Übung gehört zu einem Talenttest, der herausfinden
soll., welche besonderen Fähigkeiten Tzimon hat und wo seine
Schwächen liegen. An diesem Tag muss er sich noch mit vielen
anderen Aufgaben herumschlagen- Zahlenrätsel lösen, unpassende
Wörter in einer Reihe sich ähnelnder Begriffe finden,
ein Tier aus Plastilin kneten. Aus störrischem Draht eine Schlinge
basteln, die möglichst flach auf einem gezeichneten Dreieck
aufliegen soll. Oder Ellipsen auf einem Blatt Papier zu Bildern
vervollständigen: Wo steckt überall diese Eiform drin?
Nach kurzem überlegen fängt Tzimon mit Eifer an zu zeichnen-
ein Auge, eine Türklinke den Rumpf eines Hasen, einen Ring
von der Seite... Das Blatt füllt sich in Windeseile, bis Melanie
von Krafft, die Testleiterin, auf die Stoppuhr drückt. „Das
reicht jetzt! Gut gemacht!“, lobt sie den Jungen.
Vieler der Eltern, die wie Hubmanns einen Test bei dem Münchener
youngworld-Institut für Begabungsanalyse buchen, trauen ihrem
eigenen Urteil nicht und schon gar nicht dem der Schule. „Wenn mein
Sohn eine andere Lehrkraft hätte, wäre alles anders“,
sagt zum Beispiel Barbara Brauner* aus Ulm. Ihren wahren Namen möchte
sie nicht nennen, denn ihr Sohn Tobias, der die vierte Klasse einer
Grundschule besucht, wird von seiner Lehrerin nicht besonders geschätzt.
Sie hält ihn nicht für klug, und das zeigt sie ihm auch.
Tobias werde es vielleicht gerade mal auf die Realschule schaffen,
erklärte die Pädagogin den Eltern, obwohl ihm die Experten
von youngworld eine überdurchschnittliche mathematische Begabung
attestieren. „Die Schule sieht die individuelle Persönlichkeit
nicht mehr“, kritisiert die Mutter. Die Testergebnisse haben sie
darin bestätigt, gegen die Empfehlung der Schule ein passendes
Gymnasium für ihren Sohn zu suchen- wenn es sein muss, auch
ein privates.
Welche Talente stecken in meinem Kind? Das hat sich auch Sabine
Berlitzki aus Regensburg gefragt. Seit ihr Sohn Phillip in die Schule
geht, eckt er an. Dabei war seine Zeit im Kindergarten ganz unproblematisch.
„Jetzt stört er den Unterricht und spielt den Klassenclown.
Die Lehrerin vermutete eine Wahrnehmungsstörung“ und schickte
Mutter und Kind zum Ergotherapeuten. Doch der fand nichts. Weil
Phillip weiter auffällt, hagelt es Strafen: Er muss immer wieder
Verhaltensregeln abschreiben, sich in die Ecke setzen, erhält
Fußballverbot und wird vor der Klasse bloßgestellt.
Inzwischen ist der Junge so verzweifelt, dass er LKW-Fahrer werden
will: „Bloß schnell runter von der Schule!“
Im Test bei youngworld stellte sich heraus, dass Phillip durchaus
intelligent ist, aber eher ein Eigenbrötler und Perfektionist,
der sich nicht leicht in eine Gruppe eingliedert. Er hat ein besonderes
technisches Geschick und außerdem eine musikalische Begabung,
die bis dahin nicht aufgefallen war. Für seine Mutter ist das
Grund genug, ihn auf diesem Gebiert weiter zu fördern, um ihm
auf mal zu einem Erfolgserlebnis zu verhelfen. Ihr Ziel: Philipp
soll doch auf ein Gymnasium gehen- noch arbeitet sie daran, ihn
dazu zu motivieren.
„Die Lehrer waren uns keine Hilfe“, klagt Petra Hubmann, die Mutter
von Tzimon. Ihr Sohn führte die Pädagogen regelrecht an
der Nase herum, drückte sich trotz Nachmittagsbetreuung um
die Hausaufgaben , fiel im Unterricht durch mangelnde Motivation
auf. Die Schulpsychologin empfahl dennoch, das Kind solle trotz
schlechter Leistungen eine Klasse überspringen, weil es überdurchschnittlich
intelligent sei. Wegen des Umzugs der Familie von Nordrhein- Westfalen
nach Bayern, ersparten die Eltern Tzimon diesen zusätzlichen
Stress. Sie schickten ihn stattdessen zu einem zweiten Test, um
spezielle Begabungen herauszufinden. „Inzwischen sehe ich die Urteile
über meinen Sohn gelassener“, sagt Petra Hubmann. Die Kunstlehrerin
der alten Schule hatte Tzimon in einem Zusatzzeugnis kritisiert:
„In Kunst ist deine Arbeit superschlecht, und du erwartest auch
noch, dass ich dich dafür lobe“ – Der Talenttest attestierte
ihm dagegen außergewöhnliche Kreativität. Das hatten
die Eltern bereits vorher beobachtet, aber nicht ernst genommen.
„Tzimon hat ständig irgendwelche Sachen gebaut“, erzählt
die Mutter, „ich war schon wütend, weil er sich für nichts
anderes interessierte.“ Aber nach den Ergebnissen des Talenttests
sieht sie das anders: „Es könnte wirklich sein, dass er eine
Ader für Technik und Architektur hat- da wollen wir ein Auge
drauf behalten.“
Die Leistung in der Schule, so zeigt sich, spiegelt die wahren Fähigkeiten
oft nicht wider. „Viele Stärken der Kinder und Jugendlichen
bleiben ungenutzt“; so der österreicherische Sozialforscher
Erich Brunmayr. Sein Institut in Gmunden hat gemeinsam mit der Grazer
Universität einen Talente-Check für 14- bis 15- Jährige
entwickelt, der in diesem Jahr von der niederösterreichischen
Landesregierung 16.000 jugendliche zum Ende ihrer Schulpflicht angeboten
wird. Bereits die Pilotphase brachte erstaunliche Ergebnisse. Forscher
Brunmayr: „Es gibt viele Schüler, die ein außergewöhnliches
sozial-emotionales Potenzial haben, aber mathematisch eher schlecht
sind. Sie wären hervorragend für den expandierenden Arbeitsmarkt
der Pflege geeignet. Aber sie schaffen es oft nicht ins Gymnasium,
das jetzt in der gesamten EU für diese Berufsgruppen Pflicht
werden soll.“ Andere Schüler zeigten eine überdurchschnittliche
praktische Intelligenz, handwerkliche Fähigkeiten, die die
im Unterricht nicht gewürdigt würden. „Wir scheren leider
alle über einen Kamm“, lautet Brunmayrs Fazit.
Auch deutsche Schulen gehen, wie die Ergebnisse der Pisa-Studie
bestätigen, nicht ausreichend auf individuelle Stärken
und Schwächen der Kinder ein. „Für viele ist das ein Tabuthema“,
sagt Christian Fischer vom Internationalen Centrum für Begabungsforschung
(ICBF) in Münster. „Man geht davon aus, dass sich die Leistungsstarken
ohnehin durchsetzen, und möchte nicht in den Geruch kommen,
Eliten zu fördern. Dabei geht es längst nicht nur um so
genannte Hochbegabte, sondern darum, ein solides Begabungsprofil
der Schüler zu erstellen.“ Dafür fehle den meisten Lehrern
die diagnostische Kompetenz.
„Um begabte Schüler besser fördern zu können, bräuchten
wir ein Kurssystem wie zum Beispiel in den USA; wo Schüler
mit ähnlichen Begabungen gemeinsam lernen können“, fordert
Cornelia Kläsener, Englischlehrerin an einem Gymnasium in Gelsenkirchen.
Von den Jugendlichen mit Talenten seien nämlich längst
nicht alle so begabt, dass sie gleich eine Klasse überspringen
könnten. „Da muss man Extra-Aufgaben verteilen, um sie bei
der Stange zu halten, oder sie als eine Art Tutor im unterricht
einsetzen“, berichtet die Lehrerin aus ihrer Praxis. Es gibt sogar
einige wenige Schüler, die so gut sind, dass sie bereits neben
dem Unterricht Kurse an der Universität besuchen können.
Wie entwickeln sich Talente? Der Psychologe Howard Gardner von der
amerikanischen Harvard-Universität konnte bei Hirnverletzten
feststellen, dass alle Menschen ein Spektrum bestimmter Fähigkeiten
haben, die unanhängig voneinander angelegt sind. Diese „neun“
Intelligenzen reichen von Sprachbegabung über Logik bis zu
Körperkoordination und Einfühlungsvermögen, sind
aber von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich gewichtet.
Wie stark sie zum Tragen kommen, hängt zum Einen von der Genetik
ab: Das Kind hat den analytischen Verstand des Großvaters,
die künstlerische Ader der Mutter oder das Ballgefühl
von Onkel Walter mitbekommen. Dieses Erbe allein reicht aber nicht:
Erst Umwelteinflüsse regen das Gehirn an, vorhandene Fähigkeiten
zu entwickeln, indem es Nervenbahnen verknüpft und ausbaut.
Das funktioniert je nach Bereich am besten in einem bestimmten Zeitfenster
der kindlichen Entwicklung. Die Vorraussetzung für Mathematik
und Logik zum Beispiel werden zwischen dem zweiten und fünften
Lebensjahr geschaffen.
Die größte Begabung nützt nichts, wenn ein Kind
nicht genügend Anreize erhält, sie auszuprägen- und
das so früh wie möglich. Wer erst mit elf oder zwölf
Jahren anfängt, ein Instrument zu lernen, wird vielleicht noch
ein ganz passabler Klavierspieler- aber kein berühmter Konzertpianist
mehr. Ein Talent macht also noch lange keinen Meister: Überdurchschnittliche
Leistungen, glaubt der international renommierte Erziehungspsychologe
Renzulli von der University of Connecticut, werden erst dann möglich,
wenn zu den Fähigkeiten ein Portion Kreativität kommt.
Dazu gehören Offenheit für Neues, für andere Perspektiven
und Wege. Und schließlich müsse sich ein Kind mit Ausdauer
und leidenschaftlichem Üben engagieren. Sonst bleiben manche
Talente ungenutzt.
Das Beantworten von Testfragen allein reicht nicht aus, um zu beurteilen,
was für ein Potenzial in einem Menschen schlummert. Eltern
müssen sich klar darüber werden, ob ihr Kind eher unsicher
oder souverän ist, lebhaft oder langsam, kontaktfreudig oder
eigensinnig . Sie müssen ihm Raum geben, eigene Interessen
zu entwickeln, ohne diese ständig zu kommentieren oder zu reglementieren.
Oft wird aber versucht, im Nachwuchs eigene Träume und verpasste
Chancen zu realisieren: Dann soll der kleine Sportler lieber ein
großer Botaniker werden, oder die talentierte Töpferin
eine Volkswirtin.
„Eltern brauchen Einfühlungsvermögen, Zeit und Geduld,
um die verborgenen Seiten ihres Kindes kennen zu lernen“, erklärt
Thomas von Krafft vom youngworld-Institut. „Nicht selten übersehen
sie ganz wesentliche Fähigkeiten oder lassen sie nicht aufkeimen,
weil sie ihrem Kind unbewusst signalisieren, dass sie hier oder
dort gar keine Erwartungen haben.“
Ganz wichtig ist, dass Eltern ihren eigenen Ehrgeiz im Zaun halten.
Kinder entwickeln rasch Ängste, nicht mehr geliebt zu werden,
wenn die den Ansprüchen nicht standhalten. Dieser Stress fördert
Unsicherheit und Angst, er blockiert das Gehirn. Wichtig ist deshalb,
so der Göttinger Hirnforscher Gerald Hüther, dass Kinder
als gesamte Persönlichkeit gefördert werden- und nicht
nur in dem, was sie vielleicht besonders gut können. „Ein Kind,
das schon mit drei Jahren perfekt Geige spielt, geht eben nicht
mehr zum Fußball. Solche Wunderkinder landen später nicht
selten in der Psychiatrie“, kritisiert der Begabungsforscher, der
ein Informationsnetzwerk für Erziehungsfragen (WIN-Future)
gegründet hat. Seine These: Nur wer sich umfassend entwickelt
hat, kann mit seinen Talenten auch richtig umgehen.
Wichtig sei dabei, betont Biologe Hubert Markl, lange Jahre Präsident
der Max-Planck-Gesellschaft, dass Kinder und Jugendliche sich nicht
nur intellektuell, sondern auch praktisch erproben können.
„Wer Kinder großzieht“, so der Vater eines Sohnes, „weiß,
dass es zu den lohnensten und spannendsten Erfahrungen gehört,
zu entdecken, was in ihnen steckt!“
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